Franzi | Herzenszauber
Franzi | Herzenszauber

Wann sind wir rassistisch?

Wo hört „Interesse/Neugier für andere Kulturen“ auf und wo fängt „Rassismus“ an? Ich betrachte mich selbst als sehr tolerant, respektiere und interessiere mich für andere Kulturen und frage auch gerne mal nach Gepflogenheiten in anderen Ländern. Ist das schon rassistisch? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Die Diskussion, die gerade aufkommt, stellt vieles meines bisherigen Verhaltens in Frage. Manche sind bestimmt stolz auf ihre Herkunft, andere hassen es, „anders“ zu sein.

Ich bin in Bayern aufgewachsen, wir haben tatsächlich „wenige Ausländer“ (korrekt wäre vermutlich: „Menschen, die augenscheinlich einer anderen Ethnie angehören“ oder gibt es hierfür überhaupt ein korrektes Wort?!), ich hatte „nur“ eine „Schwarze“ in meiner Klasse und war immer fasziniert. Ist das schon rassistisch? Für mich nicht – für sie war es das vielleicht, weil ich ihr das starke Gefühl gegeben habe, anders zu sein.

Ich interessiere mich sehr für andere Kulturen, bin ein Fan von Tipis, Mokassins, Kimonos etc. Wir „Weißen“ verkleiden uns gerne als Indianer, als Geisha – ist das schon rassistisch? Wir betrachten das nicht so, weil wir als „Weiße“, das Privileg haben, nicht mit Rassismus konfrontiert zu werden.

Ich hatte lediglich eine winzig kleine Erfahrung, die im Entferntesten eventuell als Rassismus bezeichnet werden könnte, als ich von Bayern nach NRW gezogen bin, wurde ich als „Ausländerin“ bezeichnet, man hat sich über mich lustig gemacht und eine Latte an Vorurteilen (Lederhosen, Weißwürste, Brezeln etc.) prasselte auf mich ein, dabei trug ich in meinem Leben noch nie Lederhosen noch habe ich einen bayerischen Dialekt, nicht mal einen fränkischen. Das ist das EINZIGE, was ich als „Weiße“ jemals erfahren habe und es ist nicht einmal ansatzweise so schlimm wie das, was andere tagtäglich aufgrund ihres Aussehens, ihres Akzentes, ihrer Religion oder ihrer Sexualität erfahren müssen, doch es zeigt mir, wie einfach man anderen das Gefühl geben kann „anders“ zu sein. Diese Diskussion bringt mich zum Nachdenken, denn es ist mir sehr wichtig, dass ich andere Menschen nicht verletze, ihnen nicht das Gefühl gebe, dass sie – aus welchem Grund auch immer – anders sind. Für mich gibt es nur eine Rasse und die heißt „Mensch“, ich habe mir immer sehr viel darauf eingebildet, dass mir andere Kulturen egal sind. Aber habe ich mich dadurch nicht als „Weiße“ überlegen gefühlt? Habe ich es nicht als „Privileg“ betrachtet, weiß zu sein?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich könnte mit Sicherheit sagen, dass ich mich noch nie rassistisch verhalten habe. Doch stattdessen bin ich mir sicher, dass ich es unbewusst schon mehrmals getan habe, weil ich zu neugierig, zu fasziniert war oder einfach versehentlich die falschen Worte benutzt habe. Eine Freundin von mir hat einen Marokkaner geheiratet und muss sich tagtäglich mit Rassismus auseinandersetzen. Ich habe immer darauf geschimpft, wie abartig sich manche Menschen anderen gegenüber verhalten können, nur weil sie nicht reinweiß sind. Aber habe ich etwas dagegen unternommen?

Als wir letzte Woche liegengeblieben sind, habe ich allen deutlich gesagt, dass uns kein Deutscher helfen wollte und uns schließlich ein AUSLÄNDER geholfen hat. Habe ich mich da auch rassistisch verhalten? GANZ SICHER!!! Dabei wollte ich eigentlich dem Entgegenwirken, dass man Ausländer immer für alles Schlechte verantwortlich macht. Aber in dem ich gesagt habe, dass es jemand war, der augenscheinlich nicht deutsch war und unsere Sprache nicht einwandfrei gesprochen hat, habe ich mich rassistisch verhalten und es tut mir leid. Das ist mir erst jetzt bewusst geworden.

Ich glaube, wir „Weißen“ müssen noch einmal ganz tief in uns gehen, uns mit unseren eigenen Gepflogenheiten auseinandersetzen, Gespräche mit Betroffenen führen und aufhören uns so verdammt überlegen und privilegiert zu fühlen, nur weil wir … ja, was sind? Weiß? „Normal“?!

Ich werde mich auf jeden Fall auf viele, tiefe Gespräche mit Freunden und Fremden einlassen und mit Julian gemeinsam überlegen, wie wir Zoey einmal das Thema „Rassismus“ näher bringen, damit sie sich wirklich so tolerant verhalten kann, wie wir es in unseren Köpfen schon tun und dennoch versagen.

Wie seht ihr das? Habt ihr sogar schon Rassismus erfahren? Wo fängt er bei euch an?

P.S.: Eigentlich wollte ich ein thematisch passendes Bild verwenden, zeigen, wie tolerant ich bin. Doch – das ist eigentlich wieder der falsche Ansatz, oder nicht?

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